Joscha

Ein Bauchentscheid - Indien Reisebericht

23. Oktober 2026

Ich spüre noch den Druck der Operation im Bauch. Dazu kommt eine verschwommene Müdigkeit und das Gefühl, ich könnte jederzeit erbrechen. Das Flugzeugessen habe ich zur Hälfte stehen lassen. In 45 Minuten landen wir in Delhi, dann drei Stunden Flughafen, dann acht Stunden im nächsten Flieger. Es gibt wenig, worauf ich gerade weniger Lust hätte.

Enea sitzt grad in einem Flieger nach Singapur. Wir haben uns am Flughafen in Goa verabschiedet, er fliegt weiter nach Australien. Für ihn war Indien der Anfang seines Trips, und mir wird langsam klar, dass das wohl das Ende von meinem ist.

Trotzdem: Mit Noah-Kahan-Songs auf den Ohren und knapp vier Wochen Indien im Rucksack könnte ich fast ein Tränchen verdrücken. Was eine unglaubliche Reise.

Angefangen hat es, wie man so etwas eben anfängt. Enea und ich hatten Bock, mal wieder durch ein paar Zeitzonen zu jetten. Nicht gerade Süditalien sollte es sein, und viel Geld wollten wir auch nicht ausgeben. Ehrlich gesagt hat es uns auch ein bisschen gefallen, wie uns alle schräg angeschaut haben, sobald wir Indien als Option in Betracht zogen. Damit war es entschieden.

Flug buchen, drei fette Striche in den Kalender. Das wars dann auch schon mit der Planung.

Nach einem langen Wochenende und einem verlorenen AFL-Match in Winti standen wir am Flughafen Zürich. Den Druck vom Takeoff im Bauch zu spüren, machte das Ganze langsam real. Aber was uns in Delhi erwarten würde, probierten wir uns gar nicht erst vorzustellen.

Der erste Zwischenstopp war Mumbai und damit das erste indische Essen, direkt am Flughafen. Eine halbe Stunde vor der Landung in Delhi wurde mir flau im Magen. Ist sicher die Müdigkeit.

New Delhi

Um halb vier Uhr morgens landeten wir in Delhi und legten uns erst einmal im Flughafen schlafen. Enea bekam eine lange Bank, ich lag dahinter auf einer kleinen aufblasbaren Matratze, die wir mitgebracht hatten. Nach zwei Stunden gescheiterter Schlafversuche merkte ich, dass ich erbrechen muss. War wohl doch nicht die Müdigkeit. Als das erledigt war, legte ich mich wieder hin. Geschlafen habe ich nicht wirklich.

Irgendwann gingen endlich die Glastüren auf. Draussen erwarteten uns fremde Gerüche, eine feuchte Hitze, die uns fast erschlug, und eine Horde Taxifahrer. Mit einem davon ging es zum ersten Mal in den indischen Verkehr. Wie hier gefahren wird, braucht Nerven. Sicherheitsabstand gilt eher als Einladung, sich ehrlos in die entstandene Lücke zu drücken, darum gibt’s den grundsätzlich nicht. Geschwindigkeitsregeln sind Vorschläge, der Blinker ist optional. Sicherheitshalber wird dafür bei allem gehupt: in jeder Kurve, bei jedem Überholmanöver, bei jedem Spurwechsel.

Nach so einer Nacht war uns die Kulisse vor dem Hostel zu viel. Das Zimmer war zu heiss und das Bett zu hart, trotzdem versteckten wir uns die ersten paar Stunden darin vor der Stadt. Danach sassen wir in der Lobby mit einem Reisebüro zusammen und kamen mit einem gebuchten Flug und zwei Nächten in Srinagar wieder heraus. Weiter nördlich sei es ruhiger, hiess es.

Unser erstes Hostel

Am Abend zeigte sich Indien dann ohne Rücksicht. Menschenmassen, mal feinere, mal weniger feine Düfte, scharfes Essen, Leute, die ein Selfie mit uns wollten, Reichtum und Armut nah beieinander. Delhi versteckt nichts. Wir lernten zwei Locals kennen, die uns fragten, ob wir mit ihnen ein Video für ihre YouTube-Reihe drehen würden, falls wir zurückkämen. Erste Freunde also.

Zum Znacht landeten wir im Burger King. Wir waren mit allem überfordert, auch mit dem Essen, und uns war sowieso schon schlecht. Wir brauchten etwas Simples. In der Nacht erbrach ich trotzdem zum zweiten Mal. Na ja, ChatGPT hat uns in unserer sogenannten Planung eh drei Puffertage für Lebensmittelvergiftungen eingerechnet.

Am nächsten Morgen flüchteten wir. Das Taxi zum Flughafen fuhr noch verrückter als am Tag davor, und der Flug nach Srinagar hatte am Ende fünf Stunden Verspätung.

Taxi zum Flughafen

Close your eyes, open up in paradise

Den Spruch hatte man uns in Delhi mitgegeben, und schon im Flugzeug merkten wir, was gemeint war. Der Smog lichtete sich, unter uns kamen Berge, und als wir ausstiegen, war die Luft auf einmal kühl und frisch. Endlich wieder blauer Himmel.

Genauso schnell fiel uns auf, dass hier etwas anders ist. Schon im Flughafen war überall Militär, und auf dem Weg in die Stadt stand etwa alle 200 Meter ein schwer bewaffneter Typ in Militär- oder Polizeiuniform. Unser Fahrer behauptete, das sei nur wegen eines hohen Besuchs an diesem Tag. Weniger wurden sie in den Tagen danach allerdings nicht.

Dass in Kaschmir etwas im Busch ist, wussten wir. Dass die Region wegen des Konflikts mit Pakistan und mehrerer Anschläge offiziell unter einer Reisewarnung steht, war mir dagegen nicht wirklich bewusst. Unsicher gefühlt haben wir uns trotzdem nie, auch weil uns unser Host fast überallhin begleitete.

Der Fahrer brachte uns zu einem kleinen Hafen, wo dieser Host schon wartete. Mit ihm ging es in einem kleinen Boot weiter, und wir waren beide etwas verwirrt, bis wir ankamen. Unser Hostel war ein Hausboot, genauer eine kleine Insel aus drei Booten, die mit Brücken verbunden waren. Rundherum der See, dahinter die Berge. Nach Delhi war das eine 180-Grad-Wende: Das Essen, die Luft, die Leute, die Religion, alles war anders. Den ersten Tag haben wir komplett gechillt.

Wohl fühlten wir uns. Nur hatten wir bei unserem Host von Anfang an das Gefühl, er wolle uns ständig etwas verkaufen. Am nächsten Tag führte er uns durch die Stadt, zeigte uns ein paar Moscheen und fragte dann, ob wir uns für Pashmina interessierten. Easy, dachten wir, anschauen kann man ja mal.

Mit ihm und unserem Tuk-Tuk ging es in eine eher wohlhabende Wohngegend, und plötzlich standen wir in einem Familienhaus. Man führte uns in einen grossen, leeren Raum. Nichts drin ausser einem riesigen Teppich, der den ganzen Boden bedeckte. Wir bekamen Tee. Nach etwa fünfzehn Minuten kamen fünf Männer mit schwarzen Koffern herein.

Eine Stunde lang zeigten sie uns Schals. Wir suchten ein paar aus und sagten vorsichtshalber schon einmal, dass wir nicht so viel Geld hätten. Die Preise waren bestimmt fair, für uns aber viel zu hoch. Wir einigten uns auf vier Stück zusammen. Dann funktionierte die Karte nicht. Am Ende nahmen wir zwei, und die Männer waren etwas enttäuscht.

Übrigens spielten alle, die wir in Kaschmir trafen, den Konflikt herunter, ob Einheimische, Leute im Hostel oder später die Mitfahrer im Jeep. Ich wollte sie knacken und stellte kritische Fragen. Klappte aber nicht wirklich. Wahrscheinlich hängen alle noch etwas an der touristischen Blütezeit dieser Gegend.

Noch am selben Tag buchten wir einen Jeep nach Leh, dreizehn Stunden weiter östlich, mitten in den Himalaya. Vor allem lockten uns die hohen Berge.

Leh

Am nächsten Morgen um acht sassen wir mit fünf Einheimischen und dem Fahrer im Jeep. Für umgerechnet rund 25 Franken pro Person ging es dreizehn Stunden durch den Himalaya.

Viel Platz hatten wir nicht. Umso dankbarer waren wir für die Kontrollen. Bei jedem Übertritt in einen neuen Bezirk mussten wir der Polizei unsere Daten angeben, wie bei der Einreise nach Indien. Warum, wissen wir bis heute nicht genau, aber wir konnten dabei die Beine strecken. Am Anfang sahen wir noch viele Militärposten, später nur noch kahle Berge. Meine Schlafversuche scheiterten meistens daran, dass der Fahrer irgendwelche Lastwagen in zu engen Kurven und bei kaum Sicht überholte. Das war wahrscheinlich gefährlicher als der schwelende Konflikt in dem Gebiet.

Um neun Uhr abends kamen wir in Leh an, auf 3500 Metern. Allein die Tatsache, gerade im Himalaya zu stehen, fühlte sich surreal an.

Im Hostel fühlten wir uns sofort zuhause. Die Leute waren extrem nett, die Angestellten auch, und hier lernten wir Emma aus Deutschland und Baptiste aus Frankreich kennen. Die erste Nacht war trotzdem echt scheisse. Bauchschmerzen, viele Stunden auf dem WC. Ich tippte auf die nächste Lebensmittelvergiftung. Am Morgen hatte ich es überstanden.

Wir blieben lange in Leh. Länger, als geplant gewesen wäre, wenn wir etwas geplant hätten. Das Hostel fühlte sich an wie eine Freundesgruppe: der Host und ein paar seiner Freunde, die ständig kamen und gingen. Der Tag begann meistens mit Zmorge auf der Dachterrasse, wo wir den Plan für den Tag schmiedeten. Wir diskutierten über Politik und die Berge, schauten Filme und spielten Pingpong.

Einmal bretterten wir mit ihnen viel zu schnell über alte Strassen in ein Tal, um eine Stunde zu wandern, danach luden sie uns zum Tee ein. Ein anderes Mal fuhren sie mit uns mitten in der Nacht zu einem Aussichtspunkt im Nirgendwo, nur um Sterne zu schauen.

An einem dieser Abende erzählte Baptiste, dass er das Markha Valley machen wolle: fünf Tage zu Fuss durch ein Tal zwischen 3000 und über 5000 Metern, geschlafen und gegessen wird bei Bergbauern in kleinen Dörfern. Wir machten dumme Witze darüber. Dann dachten wir: Machen wir auch. Baptiste startete einen Tag vor uns.

Markha Valley

Fünf Tage wandern war uns dann doch zu viel. Also fuhren wir per Autostopp an den Anfang des Tals, anderthalb Stunden von Leh entfernt, was für sich allein schon ein Erlebnis war. Ein Mönch nahm uns mit, zeigte uns seinen Lieblingsaussichtspunkt und erzählte viel über den Buddhismus und die Philosophie dahinter. Ein Mann, der mit seiner Frau unterwegs war und für Roche arbeitet, fuhr zuerst an uns vorbei, kam fünf Minuten später zurück und sagte, er nehme uns mit. Ausgerechnet Roche. An einer Stelle, wo wir das nächste Auto suchen mussten, bekam Enea plötzlich starke Kopfschmerzen und musste sich hinlegen.

Am Taleingang nahmen wir ein Eisbad und marschierten los. Die Kopfschmerzen wurden bei ihm besser. Wir rechneten damit, dass auf dieser Strasse kaum mehr Verkehr sein würde und wir wohl oder übel laufen müssten. Nach etwa einer Stunde hörten wir ein Motorengeräusch und sahen eine Staubwolke. Daumen raus, Glück versuchen. Er hielt an.

Er war Bergführer und unterwegs, um eine Kundin abzuholen, die höhenkrank geworden war. Ein lustiger Typ. Wir luden ihn auf einen Tee ein, und er erzählte von seinen Touren auf den Sechstausender im Tal. Die Höhe mache ihm nichts aus. Oben seien die Touristen meistens komplett am Ende, und er zünde sich eine Zigi an. Dann fuhr er uns bis ans Ende der Strasse, weit hinauf. Dass er gerade eine Höhenkranke herunterholen ging, hätte uns zu denken geben können.

Wir fühlten uns fit genug, noch zwei Stunden bis zum nächsten Dorf zu laufen. In Hankar quartierten wir uns auf einem einfachen Hof ein, auf fast 4000 Metern und mit viel zu wenig Akklimatisation.

Ich wachte am nächsten Morgen auf und wusste sofort: Ich bin höhenkrank. Viel trinken half nicht, weiterschlafen auch nicht. Mir war klar, dass wir runter müssen, sobald ich erbreche. Das hatte ich noch nicht, also beschlossen wir, einen Tag Pause einzulegen und zu hoffen, dass es besser wird.

Dummerweise hatten wir niemandem zuhause in der Schweiz gesagt, dass wir in diesem Tal sind, und Internet gab es keines. Mit Händen und Füssen versuchten wir der Frau auf dem Hof zu erklären, dass wir WLAN brauchen. Sie führte uns zu einer alten Steinmauer mitten im Dorf. Dort gebe es, mit Glück, zwei Stunden am Tag dank Starlink Verbindung zur Aussenwelt. Und genau dort tauchte plötzlich Baptiste auf. Wir hatten gewusst, dass er irgendwo im Tal ist, aber erreichen konnten wir uns gegenseitig nicht.

Auch ihm ging es nicht gut, also legte er ebenfalls einen Tag Pause ein. Am Abend kam noch Maxime aus Genf vorbei, der erste und einzige Schweizer, den wir auf der ganzen Reise trafen. Er hatte am Abend davor etwas gegessen, das nicht mehr gut war, und verschwand seither regelmässig aufs Klo. Ein kleines Lazarett, das gegen Abend und mit den Minusgraden eine echt kalte Angelegenheit wurde.

In der Nacht fing es an zu schneien. Am Morgen ging es keinem von uns besser, und es war klar, dass wir aus Sicherheitsgründen alle zusammen zurück nach Leh gehen. Nach einer Stunde zu Fuss organisierte uns Maximes Guide ein Taxi. Wobei, Taxi ist übertrieben. Es war ein Lastwagen. Anderthalb Stunden standen wir hinten auf der Ladefläche, fuhren durch das ganze Tal und über die schönen Strassen zurück nach Leh. So blöd das klingt, das war das Highlight unseres kleinen Abenteuers.

Khardung La

Zurück in Leh, im gleichen Hostel, das sich inzwischen wie ein Zuhause anfühlte, planten wir sofort die nächste Expedition. Mit Baptiste und Emma wollten wir über einen Pass ins Nachbartal, ins Nubra Valley, wo es angeblich eine Wüste mit Kamelen geben sollte. Dafür brauchten wir ein Gefährt, und am einfachsten war es, drei grosse Expeditionsmotorräder zu mieten.

Das einzige Problem: Baptiste und ich können nicht Motorrad fahren. Der Plan war, dass Enea um eine Probefahrt bittet und wir zwei dann schauen, ob es klappt. Baptiste änderte spontan den Plan. Er setzte sich einfach drauf und sagte dem Vermieter, er habe keine Ahnung. Dem war das egal. Also machte ich es genauso. Kupplung und Schalten mit dem Fuss brauchten etwas Zeit, und ich würgte das Ding ein paar Mal ab. Nach ein bisschen Üben wars dann aber drin und wir fuhren mit unserem Gepäck los.

Die Route führte über den Khardung La auf 5360 Metern. Alle in Leh sprechen von der zweithöchsten Passstrasse der Welt. Ob das für Baptiste und mich das richtige Übungsgelände war? Wahrscheinlich nicht. Aber da hochzufahren, machte auf jeden Fall unglaublich Spass. Bis zweihundert Meter unter dem Gipfel. Wir waren schon auf über 5000 Metern, als mein Göppel plötzlich nicht mehr wollte.

Hier oben war schnell klar: Entweder läuft das Ding jetzt sofort, oder wir brechen ab. Wir spürten alle die Höhe. Wir rollten im zweiten Gang an, um die Batterie aufzuladen, probierten es normal, Zündung aus, Zündung ein. Wir suchten irgendwie Connection, um Claude anzuschmeissen und nach Hilfe zu fragen. Kein Internet, noch etwa drei Stunden Weg vor uns, und die Sonne ging langsam unter.

Der letzte Plan war, den ganzen Pass wieder hinunterzufahren. Wobei, fahren ist das falsche Wort. Ich rollte meine Kiste ohne eingeschalteten Motor den Berg hinunter, vor mir einer der schönsten Sonnenuntergänge der Reise, und tatsächlich reichte das Gefälle bis vor den Vermietungsshop. Der Vermieter fand das Problem schnell. Der Sensor, der erkennt, ob der Seitenständer oben oder unten ist, war kaputt. Er steckte ihn einfach aus.

Am nächsten Morgen starteten wir den zweiten Versuch, zu dritt, weil Emma nicht mehr mitkonnte. Oben auf dem Pass blieben wir nicht lange, die Finger waren uns vor Kälte fast abgestorben. Unterwegs hielten wir immer wieder an, um etwas Warmes in den Bauch zu bekommen.

Enea und ich auf dem Kardung La

Und dann das Tal. Mit 80 durchdüsen, die Gänge hoch- und in den Kurven wieder runterschalten, dazu diese Aussicht und die anderen zwei neben mir. Wir wussten, dass wir da gerade etwas zusammen erleben, was wohl einmalig bleiben wird. Ich habe mich selten so frei gefühlt wie unter diesen Bergwänden auf diesem Gefährt zu sitzen, während der Sand wie ein leichter Nebel über die Bergspitzen zog.

Am Abend kamen wir in Hunder an und fielen alle todmüde in die Betten. Am nächsten Tag schliefen wir aus, dann ging es zurück in unsere Jacken, Handschuhe und Helme. Zündung an, Gang rein und los. Der Ausblick wurde über Nacht nicht ein bisschen unspektakulärer, und auf unserem Weg durch die Wüste trafen wir sogar noch ein paar freie Kamele.

Varanasi

So sehr wir uns in Leh verliebt hatten, nach diesem Abenteuer war das Kapitel Ladakh abgeschlossen. Sehr viele Leute hatten uns zu Varanasi geraten, also buchten wir einen Flug. Nachdem wir uns ausführlich von all unseren neuen Freunden in Leh verabschiedet hatten, jetteten wir früh am Morgen mit 800 km/h Richtung Süden. Dort wartete ein richtiger Kulturschock auf uns drei.

Flughafen Leh

Es war gerade ein verlängertes Wochenende in Indien, und fast alles war ausgebucht. Wir zogen von Hostel zu Hostel, jedes empfahl uns ein anderes, und am Ende landeten wir in einem zufälligen Hostel gegenüber von einem, das uns empfohlen worden war. Harte Matratzen, keine Klimaanlage, nur ein Ventilator, der unglaublich laut war. Gitterstäbe vor den Fenstern. Es roch unangenehm, war feucht, und das WC war ungepflegt. Immerhin gab es in der Nähe guten Kaffee.

Am ersten Abend schauten wir uns von einem Boot aus eine Zeremonie am Fluss an. Religion und Kultur sieht, riecht und spürt man hier an jeder Ecke, in jedem Laden, überall, und leider halt auch dann, wenn man es nicht will, wie in unserem Hostel. Da wir uns nicht grad auf unsere staubigen Matratzen freuten, zogen wir noch etwas ohne Ziel durch die Strassen dieser surrealen Stadt. Irgendwie kamen wir plötzlich in einen Tempel, der durch einen Gang mit einer langen Treppe zum Fluss führte. In diesen Hallen zu stehen, den Menschen beim Beten zuzuhören und den Waschungen im Ganges zuzusehen, hatte irgendwas Magisches.

Der Ganges gilt den Hindus als Göttin, und die ganze Stadt ist im Grunde eine riesige Verehrung dieser Göttin. Viele wünschen sich, nach dem Tod in den Ganges zu kommen. Deshalb sieht man ständig Tote, eingewickelt in farbige Tücher, die im Fluss gewaschen und danach verbrannt werden.

Am zweiten Tag standen wir direkt neben einer Kremation. Ein Mann hatte uns angesprochen. Er arbeite hier und habe einen Karma-Job: Touristen das Ritual zu zeigen und sie in die Kultur einzuführen. Wir standen so nah, dass wir die Hitze des Feuers spürten. Es roch nach holzigem Rauch, und man hörte die Flammen von weitem. Doch beim Gedanken, dass wir da grad Menschen beim Einäschern zusehen, wurde mir etwas mulmig. Die Asche kommt danach in den Ganges, damit die Seele aus dem Kreislauf der Wiedergeburten erlöst wird. So nah an einem Ort zu stehen, der für so viele Menschen so viel bedeutet, war eine der krassesten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Der Ort hat wirklich was Surreales.

Zum Schluss bat uns der Mann um eine Spende für das Holz für die Armen. Wir gaben etwas. Später fanden wir heraus, dass das hier offenbar eine bekannte Masche ist. Tja, so ist das halt manchmal.

Danach irrten wir noch ein bisschen durch die Stadt, und am Abend waren wir ehrlich gesagt froh, als wir in den Nachtbus nach Delhi steigen konnten.

Auf Schienen

Zurück in Delhi führte uns Baptiste in ein richtig cooles Hostel. Am Abend spielten wir mit dem Host und ein paar anderen Backpackern Fussball auf einem Platz mitten in Delhi. Es war viel zu heiss, wir haben vom anderen Team richtig auf den Sack bekommen, und es tat trotzdem unglaublich gut, sich wieder einmal richtig auszupowern.

Am nächsten Morgen planten wir die restlichen Tage und liefen über einen Markt, angeblich einen der grössten Asiens. Was man dort alles findet, ist krass, und nicht nur Schönes. In einer Ecke wurden Vögel, Katzen und alle möglichen anderen Tiere in viel zu engen Käfigen verkauft. Gegen Abend lösten wir unser Versprechen ein und trafen unsere zwei YouTuber-Freunde wieder, beim Roten Fort. Wir assen Streetfood, diesmal ohne Magenprobleme, fuhren Riesenrad in einem Vergnügungspark, und sie erzählten, wie Leute in unserem Alter in Indien leben. Beide träumen davon, die Welt zu sehen, irgendwann auch die Schweiz. Dafür machen sie YouTube. Wir können einfach losfliegen. Schon krass.

Danach verabschiedeten wir uns von unserem französischen Freund. Etwas, das nicht immer leichtfällt, denn egal, wie viel man zusammen erlebt hat, die Chance, dass man sich wieder mal sieht, ist sehr klein. Aber wer weiss das schon.

Am Abend stiegen wir in einen Nachtzug nach Jodhpur. Zugfahren stand von Anfang an auf meiner Indien-Bucket-List. Sechserabteil, sehr eng, nicht besonders bequem, aber eine ziemlich lustige Erfahrung.

Jodhpur, die blaue Stadt in der Wüste, war eigentlich nur ein Zwischenhalt, weil wir nicht in einem Stück bis nach Goa fahren wollten. Wir mieteten wieder zwei klapprige Motorräder, cruisten zwei Tage durch die Prärie und schauten uns ein paar Tempel und eine riesige Festung an. Am zweiten Abend sassen wir schon im Zug nach Mumbai.

Siebzehn Stunden Zug klingen nicht nach einem Highlight. Weil der Zug ausgebucht und die Buchung kompliziert war, hatten Enea und ich zwei Betten in verschiedenen Wagen. Zum Znacht trafen wir uns in einem Zwischenteil neben einer offenen Tür. Auf dem Rückweg sprach mich einer an. Wir redeten zehn Minuten, dann kamen mehr dazu und irgendwann auch Enea. Es waren etwa zwölf junge Männer vom Militär.

Wir machten Armdrücken, rissen Witze über die Schweiz und über Indien, probierten ihr viel zu scharfes Essen und zeigten uns gegenseitig Bilder, sie vom Militär, wir von der Schweiz. Die Zeit verging schnell, und wir staunten immer wieder, wie offen die Leute hier sind und wie verschieden Lebensrealitäten sein können.

In Mumbai kamen sie mit uns auf den Perron. Wir umarmten uns, und sie sagten, sie kommen irgendwann in die Schweiz. Ich glaub, wir wussten alle, dass das halt leider echt unrealistisch ist und dass das hier wahrscheinlich das letzte Mal sein wird, dass wir uns sehen.

Von Mumbai sahen wir genau nichts. Wir hatten vier Stunden bis zum Bus nach Goa, und uns wurde der falsche Abfahrtsort angezeigt. Enea sah zum Glück einen Bus unseres Busunternehmens an uns vorbeifahren. Und tatsächlich war das unserer, der ein paar hundert Meter weiter unten seinen Stopp einlegte. Nach einem Sprint erwartete man uns schon mit genervten Gesichtern. Vierzehn Stunden Nachtbus später sahen wir am Morgen zum ersten Mal in Indien das Meer.

Goa

Wir kamen an Eneas Geburtstag in Vagator an, im Norden von Goa, und wurden von der Hitze fast erschlagen. Wieder ein cooles Hostel mit coolen Leuten, und viel mehr als Strand und Hostel am Tag und Party in der Nacht lag bei dieser Hitze nicht drin.

Wenn man schon in Goa ist, geht man natürlich an eine Psytrance-Party, schliesslich ist hier der Goa-Trance entstanden. Wir mögen die Musik beide nicht. Zwischen lauter Leuten auf Psychedelika, Menschen, die etwas zu alt wirkten, um neben uns zu stehen, und vielen neuen Menschen, die wir kennengelernt hatten, war es trotzdem ein crazy Abend.

Ein paar Tage später, mitten in der Nacht, bekam ich starke Krämpfe im Bauch. Wir dachten an das Naheliegende, die nächste Lebensmittelvergiftung. Nach einem Tag war es nicht besser. Ich erbrach alle dreissig Minuten und war so am Ende, dass ich nur noch in einer Hängematte liegen konnte. Ich bekam kaum noch etwas mit. War wahrscheinlich angenehmer.

Weil die Schmerzen nicht aufhörten und inzwischen nach rechts wanderten, beschlossen wir, vor dem Rückflug doch noch checken zu lassen, ob es nichts Schlimmes ist. Enea holte einen Roller und fuhr mich eine Stunde ins beste Spital von Goa (laut Google-Maps-Bewertung). Jeder verdammte Stein auf der Strasse, jedes Loch und jede der unzähligen Bodenwellen tat weh.

Dort bekamen wir die schlechte Nachricht. Blinddarmentzündung. Das Ding musste notfallmässig raus, so schnell wie möglich, und unsere Flüge konnten wir vergessen.

Unsere gemeinsame Reise endete in einem Spitalbett. Nach der Operation blieb ich noch ein paar Tage dort, Enea pendelte zwischen Strand, Restaurant und Spital. Ich war echt froh, nicht alleine zu sein. Am Freitag wurde ich entlassen, und wir fuhren so schnell wie möglich zum Flughafen. Ich hatte immer noch Schmerzen, aber das Spital hatte mir ein Zertifikat ausgestellt, mit dem ich im Rollstuhl durch die Flughäfen geschoben werde.

Start und Ende

Jetzt sitze ich also hier, 45 Minuten vor Delhi. Ich weiss, dass ich Enea die nächsten Monate nicht sehen werde. Für ihn war Indien nur der Start. Für mich war es das Ende.

Ein bisschen freue ich mich auch, auf die Kälte, aufs Skifahren, auf meine Freunde und alles in der Schweiz. Gleichzeitig weiss ich, wie sehr mir das Reisen fehlen wird. Nach Vietnam war ich eine Woche lang richtig down, und davor habe ich auch jetzt Angst.

Von unseren Plänen ist auf dieser Reise kaum einer aufgegangen. Markha haben wir abgebrochen, mein Motorrad ist auf über 5000 Metern stehen geblieben, und unsere Flüge sind ohne uns gestartet. Weitergegangen ist es trotzdem jedes Mal, und jedes Mal wurde daraus eine Story, die ich noch meinen Grosskindern erzählen werde. Ich glaube, offen, neugierig und vielleicht ein bisschen naiv unterwegs zu sein und das, was kommt, so positiv wie möglich zu nehmen, ist eine ziemlich gute Art zu reisen. Und vielleicht auch zu leben.

Diese Wochen haben mir aber auch gezeigt, wie unterschiedlich und manchmal echt unfair unsere Lebensrealitäten sind. Unsere YouTuber-Freunde träumen davon, die Welt zu sehen, die Soldaten aus dem Zug wollen irgendwann in die Schweiz. Für sie ist das sehr weit weg. Für mich liegt es ein paar Klicks auf Skyscanner und drei Striche im Kalender entfernt. Und eigentlich weiss ich, dass mir nichts passieren wird, egal was kommt. Sogar meine Notoperation endete im besten Spital von Goa, und meine Versicherung bezahlt mir den Flug zurück in die Schweiz.

Enea hat seinen letzten Post mit «Indie, we will return» beendet. Ich unterschreibe das. Einen Blinddarm, der dazwischenkommen kann, habe ich ja jetzt nicht mehr.