
Es ist schon eine Weile her: Ich stehe wieder mal an der Grauholz-Raststätte und halte meinen Daumen in die Höhe. An das Gefühl, nicht zu wissen, was in den nächsten Stunden passiert, habe ich mich langsam gewöhnt. Aber heute ist es anders. Das Ziel ist keine Grossstadt, kein Wahrzeichen, keine Autobahnraststätte – sondern Juf. Ein Dorf irgendwo in einem Tal in Graubünden. Das höchste dauerhaft bewohnte Dorf Europas, 30 Einwohner.
Im Rucksack: Kamera, Mics, Schlafsack. Der Plan: herausfinden, warum man da oben wohnen will. Wie ich hochkomme? Ob überhaupt jemand mit mir spricht? Wo ich schlafe? KEIN PLAN.
Also los. Grauholz → Zürich → etwas weiter → noch etwas weiter → Chur → und irgendwie nach Juf. Dank vielen hilfsbereiten Autofahrerinnen und Autofahrern stand ich tatsächlich irgendwann in diesem wunderschönen Bergdorf. Und so froh ich war, dass ich es geschafft hatte – da fing die Geschichte eigentlich erst an. Was dort alles passiert ist, gibt's im Video. (;
Aber ehrlich: Ohne Essen, ohne Schlafplatz und ohne Plan in ein einsames Bergdorf zu trampen und nicht zu wissen, was in den nächsten 24 Stunden passiert – das ist eine Challenge.
War es auch. Aber nichts im Vergleich zu dem, was danach kam:

Über vier Stunden Filmmaterial. Keine Deadline. Und mein Anspruch, daraus einen Film zu machen, der meinen Erwartungen entspricht.
Meine Ansprüche sind höher als mein Skill
Klingt hart, ist aber so. Die Emotionen, Bilder und Visionen, die ich für so ein Projekt im Kopf habe, bleiben meistens genau dort: in meinem Kopf. Meisten schaffe ich es nicht, meine eigenen Erwartungen zu erfüllen. Das heisst nicht, dass ich am Ende immer unzufrieden bin. Aber dieses Gefühl: voller Energie vor der Workstation sitzen, und dann dieses Loch, in das ich jedes Mal falle, wenn ich eine leere Timeline anstarre. Grauenhaft. Das war hier nicht anders. Also los:
Ich muss irgendwo anfangen
Schreibblockade, Schneidblockade, Angst vor der leeren Timeline? Keine Ahnung, wie man das nennt. Auf jeden Fall kenne ich es gut und es gibt Tricks. Der simpelste: einfach anfangen. Schon DaVinci öffnen hilft. Oder noch besser: Musik suchen. Oder NOCH besser: Material sortieren. Oder noch VIEL besser: eine erste, bewusst schlechte Version bauen. Irgendwann fängt's an zu laufen. Genau so war es auch hier: Nach ein paar Tagen Aufschieben konnte ich mich überwinden.
Leider hört's da nicht auf
Auch mitten im Schnitt geht's rauf und runter. Manchmal bin ich komplett gehyped und finde es mega, welche Emotionen da gerade mit Video, Voiceover und Musik entstehen – und ein paar Stunden später lösche ich genau diesen Teil wieder. Was mir dann hilft: den Stand möglichst schnell Menschen zeigen. Ganz simpel. Egal ob das Feedback positiv, negativ oder irgendwas dazwischen ist, ich spüre danach, wo ich stehe, und bin nach einem kurzen Screening immer deutlich motivierter. Also ging die Reise weiter: Kapitel für Kapitel, Schnitt für Schnitt.

Prokrastination
Riesiges Problem. Klar, ich liebe Filmschneiden. Aber sobald irgendeine Reibung in den Prozess kommt: ich bin nicht zufrieden mit dem aktuellen Stand, die Aufnahmen sind nicht wie erhofft, keine Idee, wie ich die Story vorantreibe. Genau dann wird es kritisch. Und wenn ich dann noch keine Deadline habe, wie das bei Juf der Fall war... Ganz schwierig.
Künstliche Deadline
Dann brauche ich Druck. Und den habe ich mir mit Marcos Hilfe selbst gebaut: Wir haben einfach abgemacht, wann der Film fertig sein muss. Mittwochabend. Punkt. Ich war richtig fokussiert, habe zehn Stunden ohne Mittagspause durchgeschnitten und war trotzdem nicht fertig. Aber fast fertig. Und "fast fertig" fühlt sich an wie "genug für heute, ich mache später weiter."
Das 70%-Loch
Das war eine blöde Idee. Keine Ahnung, warum, aber bei mir gibt es fast immer bei ungefähr 70 Prozent ein Loch. Das Video wird langsam fertig, ich bin langsam zufrieden – aber es fehlt der letzte Teil, oder ich muss noch einen Song wechseln. Und genau dann wieder: Prokrastination.
Künstliche Deadline 2.0
Nochmal. Neue Abmachung, neuer Druck. Und tatsächlich:
DAS DING IST ONLINE.