
Ich hatte schon lange den Verdacht, dass ich ADHS haben könnte. Vor ein paar Monaten dachte ich dann: Okay, jetzt finde ich es halt raus. Also hab ich gemacht, was ich in einer solchen Situation immer tue: Mich durch die Fragen eines unseriösen Online-Tests klicken.
Ergebnis: Hohes ADHS-Risiko.
Hm. Was mach ich jetzt damit?
Das PDF, das nun in meinem Postfach liegt, sagt mir, dass ich an einer neurobiologischen Entwicklungsstörung leide. Ich meine, das verändert meine Situation ja eigentlich nicht. Ich hab einen Job, der mir Spass macht. Ich krieg meinen Scheiss meistens irgendwie hin und hab Freunde, die mich so akzeptieren wie ich bin.
Andererseits stimmt's halt schon: Wenn mich etwas nicht interessiert, mach ichs halt nicht. Wo ich bin, hinterlass ich Chaos. Auch wichtige Dinge erledige ich meistens knapp vor der Deadline. Und was ich mit Dingen ohne Deadline mache... darüber möchte ich gar nicht erst sprechen.
Kurz: Ob ich dieser Website nun glauben will oder nicht, irgendwas Wahres steckt dran.
Also startete ich meine Feldforschungen. Stundenlang Podcasts, Videos, Hörbücher. Gespräche mit Menschen mit und ohne ADHS. Und viel Selbstbeobachtung.
ADHS ist KEINE Superpower
Ich liebe die Vorstellung vom zerstreuten Musiker oder dem chaotischen Unternehmer. Die Realität ist oft weniger romantisch: Menschen mit ADHS kämpfen jahrelang mit dem Schulsystem, sind in Gefängnissen übervertreten und zeigen in grossen Studien sogar eine verkürzte Lebenserwartung. ADHS kann ein Leben ganz schön hart machen.
Ich brauche Struktur
Ich arbeite in einem Team, mit Kunden, an Dingen, die andere betreffen. Das Chaos auf meinem Schreibtisch ist damit automatisch auch das Chaos von allen anderen. Notizen, feste Meetings, To-do-Listen, künstliche Deadlines – alles was mir hilft, hilft am Ende auch dem Team.
Ich hab (fast nur) zwei Antriebe
Entweder ich mache etwas aus Liebe. Ich interessiere mich, vertiefe mich, recherchiere stundenlang und spreche wochenlang über Kaffee, Pizza oder den Mount Everest. Oder ich mache es aus Todesangst. Deadline. Oder eben gar nicht.
ADHS ist EINE Superpower
Und eben doch: Dieselbe Verdrahtung, die viel Negatives mit sich bringt, kann auch Neugier, Kreativität, Ideenreichtum, Improvisationstalent und den Mut, neue Wege zu gehen, hervorbringen. Kein Wunder also, dass Menschen mit ADHS in kreativen und selbstbestimmten Berufen oft überdurchschnittlich häufig vertreten sind.
Ich hab mega Glück gehabt
Schule und ich war nie eine glückliche Beziehung. Vielleicht erklärt ADHS einen Teil davon, vielleicht auch nicht. Was ich weiss: Der Luxus, im Homeschooling und heute bei YOLU (meinem Lehrbetrieb) einfach so sein zu dürfen wie ich bin, ist alles andere als selbstverständlich. Defizite sind immer eine Frage des Kontexts. Und mit meinem Kontext hab ich mehr als Glück gehabt.
Egal ob ich nun ADHS habe oder nicht, ich werde es vielleicht mal ohne Sprint auf den Zug schaffen, selten gute Noten in der Berufsschule schreiben und nie die Stifte auf dem Tisch nach Farben sortieren. Und ich bin mega froh darüber. Ich muss neuen Ideen hinterherjagen, chaotisch arbeiten, neue Reize suchen wie wild rumreisen und überall neugierige Fragen stellen. Weil ich nicht anders kann. Wenig macht mir mehr Angst als das mal nicht mehr zu können. Das über mich zu wissen ist mehr wert als jede ADHS-Diagnose.
